Ein Gastbeitrag von der Saalfelder Höhe
Samstagmorgen, 4:30 Uhr. Während die Welt noch schläft, beginnt für mich die Reise nach Wickersdorf. Es ist kein gewöhnlicher Termin; es ist ein Tag, der für mich mehrere Welten verbindet: Meine professionelle Perspektive auf Strukturen, fundiertes Fachwissen verbunden mit liebevollem Engagement von Menschen aus ganz Deutschland, sowie die ganz persönliche Verbindung zu meiner Schwester Mirjam, die hier ihr Zuhause hat.
Als ich kurz nach halb neun im Thüringer Wald ankomme, werde ich mit dem schönsten Lohn empfangen: dem Strahlen meiner Schwester. Dieser Moment ist der eigentliche „Nordstern“ für alles, was an diesem Tag in der Cafeteria des Phönixhauses besprochen werden soll. Er erinnert uns daran, warum wir tun, was wir tun.
Der Vormittag: Wo das Menschliche im Mittelpunkt steht
Die Sitzung des Förderkreises der LG Wickersdorf e.V. begann in einer Atmosphäre, die man nur als „familiär-konzentriert“ beschreiben kann. An den von den Bewohnerinnen und Bewohnern liebevoll eingedeckten Tischen wurde schnell klar: Hier geht es um mehr als nur Vereinsmeierei. Es geht um tatkräftige und finanzielle Unterstützung.
In den Gesprächen der Eltern und Angehörigen schwingen existenzielle Themen mit. Es geht um die komplexen Fragen von Rente, Pflege und Steuern – Themen, die für Menschen mit Beeinträchtigung oft ein bürokratischer Dschungel sind. Hier wurde deutlich, wie groß der Wunsch nach Austausch und gegenseitiger Unterstützung ist. Auch die Sorge um die Bewahrung der anthroposophischen Wurzeln – die gemeinsamen Singstunden, die Andachten, das spirituelle Fundament – wurde leise, aber bestimmt artikuliert. Es ist dieser besondere „Geist von Wickersdorf“, den sich viele wieder deutlicher im Alltag zurückwünschen.
Ein finanzieller Kraftakt für die Würde im Alter
Nach dem jährlichen Bericht aus der Lebensgemeinschaft durch Haiko Jakob und dem anschließenden Beitrag des Architekten Bernd Schneider rückte das wohl größte aktuelle Projekt in den Fokus: das Ginkgo-Haus.
Es ist ein finanzieller Kraftakt. Aus einem Sonderfond, den Förderkreis und Förder-Stiftung gemeinsam aufgelegt haben, stammen 300.000 € Finanzzuschuss. Somit konnten wir einen großen Anteil an dem mehr als 2 Millionen Euro teuren Projekt beisteuern. Auch wenn die Baustelle an diesem Tag noch im Dornröschenschlaf der Bürokratie verweilte, so ist die Vision dahinter lebendiger denn je: Einen Ort zu schaffen, der den Bewohnerinnen und Bewohnern einen würdevollen Lebensabend in ihrer vertrauten Umgebung ermöglicht. Neben diesem Großprojekt bleiben die Stiftung und der Förderkreis ein stabiler Anker: Ob durch die beliebte Pflanzpatenaktion oder die Finanzierung des Magazins „Die Glocke“ – wir arbeiten verlässlich für die Menschen vor Ort. Hand in Hand.
Der Blick von außen: Gemeinsam die Segel setzen
An diesem Tag, während der beiden Versammlungen von Förderkreis und Förderstiftung, wurde die formelle Arbeit geleistet: Berichte, Entlastungen, Wahlen. Alles verlief in geordneten Bahnen, getragen von einer soliden (Vorstands-)struktur. Vielen Dank von meiner Seite für eure starken Schultern!
Doch wenn man – wie ich an diesem Tag – mit einem frischen Blick von außen auf diese Runden schaut, erkennt man durchaus ein enormes Potenzial. Ich sehe viele Menschen im Raum, die bereit sind, anzupacken. Damit dieses Engagement Früchte trägt, dürfen wir den Fokus nie verlieren: Die Menschen in der Gemeinschaft sind das Zentrum, nicht die Strukturen.
Einzelschicksale und fachliche Höchstleistungen sind wichtig, aber sie glänzen am hellsten, wenn sie im Dienst der Gemeinschaft stehen. Um den Austausch unter den Angehörigen zu stärken, entstehen bereits erste Ideen:
- Können wir den Angehörigentag im September nutzen, um gezielte Experten-Informationen zu rechtlichen Themen anzubieten?
- Wie können wir die Kommunikation modernisieren? Die „Glocke“ gibt es bereits als PDF, und vielleicht können digitale Formate wie Videokonferenzen in Zukunft helfen, auch diejenigen einzubinden, die nicht jedes Mal die weite Reise in den Thüringer Wald antreten können?
Zuversicht als Handlungsmaxime
Wir leben in einer Zeit, in der viel von „schweren Zeiten“ und „Umbrüchen“ die Rede ist. Doch nach diesem Tag in Wickersdorf überwiegt bei mir die Zuversicht. Wir haben viel erreicht und gemeinsam Widrigkeiten getrotzt.
Die Lebensgemeinschaft Wickersdorf ist ein Kleinod. Damit das so bleibt, brauchen wir jeden Kopf und jede Hand. Neue Mitglieder im Förderkreis oder als Zustifter sind nicht nur willkommen – sie sind der Treibstoff für die Zukunft unserer Kinder, Geschwister und Freunde.
Ich fahre erfüllt nach Hause. Mit dem Bild meiner strahlenden Schwester im Kopf und dem Wissen: Gemeinsam bewegen wir hier wirklich etwas.
Vielen Dank an euch / sie alle!
Gerson Ortmann aus Neumarkt in der Oberpfalz










